In 7 Schritten zum Lüftungskonzept

Die Lüftung greift kräftig in die Primärstruktur eines Hauses ein. Gefordert ist deshalb vor allem und vor allen anderen der Architekt. Die Planung vor der Lüftungsplanung. Eine Anleitung.

Tausende von Wohnbauten dieser Art gibt es allein in der Schweiz, Zweispänner mit vier oder fünf Geschossen, insgesamt also acht oder zehn Wohnungen mit drei oder vier Zimmern, vielleicht 100 m2, in der Summe 800 m2 oder 1000 m2 beheizte – respektive belüftete – Nutzfläche. Sie stehen frei oder sind eingebaut in eine Zeile oder in eine Hofrandbebauung. Unter den Wohngeschossen liegt ein Keller, darüber ein Dachgeschoss. Derartige Bauten mit Wohnungslüftungen nachzurüsten, ist eine diffizile Aufgabe. In der Regel bedeutet dieser Eingriff aber auch eine nachhaltige Wertsicherung des Gebäudes.

1.Schritt: Analyse des Istzustandes

Sanierungen, zumal jene nach Minergie, haben eine relativ grosse Eingriffstiefe. Da passt die mechanische Lufterneuerung sehr gut. Dazu passt aber auch eine intensivere Nutzung des Dachgeschosses, beispielsweise für zusätzlichen Wohnraum. Derartige Umnutzungen sind eminent wichtig für das Lüftungskonzept. Denn Lüftungszentralen oder Lüftungsgeräte im Dachgeschoss sind kostengünstiger als Keller- oder Aufdachzentralen. Ein zweiter Punkt betrifft die Vermarktung des Objektes: Sind Miet- oder Eigentumswohnungen vorgesehen? Schliesslich ist der Istzustand der Bausubstanz von Belang. Die Stichworte dazu: Lage und Grösse der (bestehenden) Steigschächte und Abstellräume, insbesondere die Steigzonen für Abluft; Raumverhältnisse im Dachgeschoss und im Keller; Platzreserven auf dem Dach (Kombination mit einem Liftaufbau?); haustechnische Installationen, insbesondere Heizverteilung innerhalb des ganzen Gebäudes; Lage und Grösse der Tiefgarage; Situation in der nächsten Umgebung; Auflagen bezüglich Aussenluftfassung: städtische oder ländliche Verhältnisse? Der Vollständigkeit halber: Wichtig ist auch die Lage des Objektes, beispielsweise an vielbefahrenen Strassen oder in Flughafennähe.

2. Schritt: Feinverteilung der Zuluft

Wie kommt die Zuluft in die Zimmer? Das ist die Kernfrage des Lüftungskonzeptes, die Antwort definiert dessen wesentliche Punkte. In einer (sehr groben) Systematik bieten sich zwei Lösungen an – die Verteilung der Zuluft innerhalb der Wohnung und über die Fassade. Von beiden Lösungen, insbesondere von der internen, gibt es Varianten. Die innere Feinverteilung empfiehlt sich bei Sanierung der Nassräume (Küche, Bad, WC), die äussere Verteilung bei Bauvorhaben mit komplett neuer Aussenwärmedämmung. (Unter 16 cm Dämmstärke sollte diese nicht aufweisen.) Just diese Kombination von Dämmung und Leitungsführung ist indessen alles andere als problemlos. Die Nachteile:
  • In die Fassade lassen sich in der Regel keine Abzweigungen, T-Stücke und Schalldämpfer einbauen. Das hat zur Folge, dass jede Leitung nur Zimmer einer Wohnung versorgen kann und auch nur (höchstens) zwei Räume. Dies führt zu einer Grosszahl von Leitungen.
  • Häufig lässt der Fassaden-Layout gar nicht genügend Leitungen für eine zimmerweise Versorgung zu. Dies gilt vor allem für Südfassaden.
  • Bei Leitungsdurchmessern von 10 cm beträgt die Überdeckung mit Dämmmaterial kaum mehr als 5 cm. Die Zuluft verliert viel Wärme auf dem Weg zum Wohnzimmer. Für die Versorgung eines einzelnen Zimmers – wie bei der Feinverteilung häufig der Fall – genügen Durchmesser von 6,5 cm. Entsprechend stärker ist die Überdeckung.
  • Die grössten Unsicherheiten sind bauphysikalischer Art. Denn die Applikation des Wärmedämmmaterials führt zwangsläufig zu (kleinen) Leerräumen entlang der Leitungen, die auch Luftbewegungen senkrecht zur Fassade begünstigen. Und diese Luft bewegt sich – innerhalb weniger Zentimeter – in einem grossen Temperaturgefälle, was zu Kondensationsschäden führen kann. Auch zu sichtbaren, in Form von Verfärbungen auf dem Verputz entlang des Dämmplattenstosses.
Nachteile, wenn auch weniger, hat auch die Lösung mit einer Feinverteilung innerhalb der Wohnung. Der wichtigste: die Kosten. Oftmals fehlt aber ganz einfach der Platz für zusätzliche Schächte. Oder: Der Platz ist vorhanden, aber die Lage innerhalb der Wohnung ist denkbar ungünstig. Als günstig dagegen erweist sich ein Steigschacht in unmittelbarer Nachbarschaft zum Korridor, in dem die Feinverteilung unter einer herunter gehängten Decke verschwindet.
Ein Vorteil aussenliegender Steigzonen liegt im Effekt der Querlüftung. Denn die Zuluft tritt an der Aussenwand ins Zimmer, die Abluft verlässt den Raum in Richtung Korridor respektive Wohnungskern. Der Durchspülungsgrad ist aber – entgegen der Vermutung – nur geringfügig höher als bei einem Konzept mit Zu- und Abluftöffnungen korridorseitig, das im Raum eine Luftwalze erzeugt. Kein starkes Argument also. Mehr Einfluss hat zweifelsohne der Schwerpunkt der Sanierung: Falls neue Küchen, Bäder und WC vorgesehen sind, lässt sich eher über Steigschächte in diesen oder angrenzenden Räumen nachdenken. Liegt der Schwerpunkt in der umfassenden Sanierung der Bauhülle, allenfalls in Kombination mit einer Pinselrenovation der Nasszellen, empfiehlt sich, eine Lösung mit aussenliegenden Steigzonen zu prüfen.

3. Schritt: Platzierung der Steigzone

Im zweiten Schritt ist die für das Konzept wichtigste Entscheidung über die Feinverteilung der Zuluft gefallen. Offen blieb die Frage nach der präzisen Platzierung der Steigzonen. Ob Verteilung über die Fassade oder über den Kern des Gebäudes – in beiden Fällen sind die geforderten Querschnitte im Grundriss unterzubringen. Kreativität und kombinatorisches Geschick gehen hier vor Standardlösungen. Vielfach geht es um die Vergrösserung eines bestehenden respektive um die Platzierung eines zweiten Schachtes – allenfalls auf Kosten eines Wandschrankes. Häufig wenig geeignet ist ein bestehendes Kamin, da in aller Regel zu eng. Drei Kriterien stehen im Vordergrund: Baulicher Aufwand; Brandschutz, insbesondere bei Vergrösserung eines Schachtes; Lage bezüglich der Installationen innerhalb der Wohnung (Lüftungsgerät, Wohnungsverteiler, etc.) und damit verbunden: Schallschutz.

4. Schritt: Zentral oder dezentral?

Zentrale Lufterneuerung bedeutet eine für alle Wohnungen gemeinsame Anlage zur Förderung und Filterung der Luft sowie zur Wärmerückgewinnung. Dezentral ist die Anlage dann, wenn diese Funktionen in einzelnen Geräten für jede Wohnung gewährleistet sind. Die beiden Konzepte weisen keine signifikanten Kostenunterschiede auf. Auf der Kostenseite fallen bauliche Massnahmen sehr viel stärker ins Gewicht. Wohnungen für den gehobenen Bedarf, auch und vor allem Eigentumswohnungen, eignen sich besonders gut für dezentrale Luftversorgung. Tendenziell sind diese Wohnungen grösser und verfügen über einen Abstellraum; beides sind Argumente für dezentrale Lösungen. Gleiches gilt für Bauten, deren Dachgeschoss bis auf den letzten Meter für Wohnnutzung reserviert ist. Dagegen empfehlen sich kleinere Wohnungen, allenfalls ohne Abstellraum, sowie Bauten mit Raumreserven im Dachgeschoss für zentrale Lüftungsanlagen.

5. Schritt: Platzierung der Geräte

Die Aussenluftfassung beeinflusst die Lage des Lüftungsgerätes. Im Prinzip gilt das für zentrale wie für dezentrale Lösungen. Im Prinzip, denn oft ist die direkte Nachbarschaft von Luftfassung und Lüftungsgerät nicht möglich. Für zentrale Anlagen ist das Dachgeschoss als Gerätestandort allen anderen Varianten vorzuziehen. Falls dies aufgrund der Platzverhältnisse nicht möglich ist, sollte die – aufgrund der baulichen Massnahmen – deutlich teurere und gestalterisch anspruchsvollere Aufdach-Variante geprüft werden. Im Keller ist zwar oft genügend Platz vorhanden, so richtig gut platziert ist das Lüftungsgerät dort aber nicht. Längere Leitungen und ein erhöhter Installationsaufwand sind die Folge. Mehr Aufwand ergibt sich auch wegen den Brandschutzmassnahmen, sofern das Gerät im Heizungsraum installiert wird.
Bei der dezentralen Lüftung ist der Abstellraum erste Wahl für die Platzierung des Gerätes; Bad, WC oder Küche sind als Standorte ebenfalls geeignet, wenn auch mit Einschränkungen. Gerade in Wohnungen mit offenen Grundrissen macht sich ein Ventilator hörbar, vielleicht sogar unüberhörbar. Diesbezüglich sollte sich die Architektin oder der Lüftungsplaner keinerlei Illusionen hingeben: Lüftungsgeräusche beeinträchtigen den Wohnkomfort und führen zu jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern und Verwaltung respektive Eigentümerschaft. Fazit: sorgfältig planen!
Sowohl die Aussenluftfassung als auch die Fortluftöffnung nach aussen sind mit Auflagen behaftet. Weniger als 3 m über Erdboden darf eine Aussenluftfassung nicht positioniert sein. Dies entspricht einer Hygienerichtlinie des VDI (Verein Deutscher Ingenieure), die der SWKI in einer differenzierten Form übernimmt. Noch wichtiger sind die örtlichen Verhältnisse: benachbarte Kamine und Fortluftöffnungen, emissionsstarke Infrastrukturanlagen wie Strassen, Tiefgaragen, etc., Garten- und Freiflächen. In vielen städtischen Regionen sind Fortluftöffnungen in der Fassade verboten. Das bedingt einen zusätzlichen Fortluftkanal bei Anlagen mit zentralem Gerät im Keller respektive bei allen dezentralen Wohnungslüftungen.

6. Schritt: Brandschutz

Das Prinzip der Brandabschnitte gilt auch für Lüftungssysteme. Diese Abschnitte ergeben sich durch den Einbau von Brandschutzklappen respektive durch getrennte Führung der Zu- und der Abluft bei der zentralen Lösung und der Aussen- und Fortluft bei der dezentralen. Massgebend für die Ausgestaltung dieser Brandabschnitte sind die Vorschriften der Kantonalen Feuerpolizei.
Sofern der Vorschlag eines Branchenverbandes zur Anwendung kommt, wonach aus Gründen des Brandschutzes lediglich drei Geschosse respektive 500 m2 Wohnfläche über eine Luftleitung versorgt werden können, hat das zusätzliche Konsequenzen. Entweder werden teure und platzheischende Brandschutzklappen eingebaut oder parallele Leitungen geführt.

7. Schritt: Lüftungsplanerische Aspekte

Hier folgt lediglich ein Abriss zur Lüftungsplanung mit 10 wichtigen Punkten. Weiterführende Infos sind im Merkblatt »Komfortlüftungen: Technische Ergänzungen für den Lüftungsplaner« enthalten, aus dem einige Richtwerte stammen. [6]
Wärmerückgewinnung. Die WRG muss eine der beiden Anforderungen erfüllen:
  • Temperatur-Änderungsgrad der Wärmerückgewinnung (gemäss EN 308): ht über 70%
  • Wärmebereitstellungsgrad gemäss deutscher Geräteprüfung [1]: h'WRG über 85%
Bei in Deutschland geprüften Gerätetypen ist der Wärmebereitstellungsgrad im Prüfbulletin vermerkt. Geräte, die mit einem Gegenstrom- oder einen Kreuz-Gegenstrom-Wärmetauscher ausgerüstet sind, erfüllen in der Regel diese Bedingung. Eine neue Gerätegeneration gewinnt die Wärme über einen Rotor zurück, auch bei diesen Geräten ist der Temperatur-Änderungsgrad meistens gut. Ein spezieller Vorteil von Rotoren ist, dass sie Feuchte übertragen und dadurch allenfalls ein Kondensatablauf entfällt – bei Sanierungen ein nicht zu unterschätzender Vorteil. Ein potenzieller Schwachpunkt von Rotoren können – zu grosse – Leckagen mit Geruchsübertragung sein. Fazit: nur geprüfte Geräte einsetzen.

Ventilator. Der empfohlene Wert für die spezifische Leistung der Ventilatorantriebevon 0,4 W/(m3/h) lässt sich nur mit Gleichstrom- oder EC-Motoren und einem ener-gieeffizienten Verteilsystem erreichen (Zu- und Abluft mit WRG, Pollenfilter der Klasse F5 bis F9). Zur Kontrolle der Werte sind neue Filter einzusetzen. Als massgeblicher Luftvolumenstrom gilt der Mittelwert von Zu- und Abluftvolumenstrom in m3/h. Abluftseitig ist das Lüftungsgerät mindestens mit einem Filter der Klasse G3 auszurüsten, bei Rotoren der Klasse F5. Für die Zuluft sollten mindestens die Klasse F7 angestrebt werden, bei hohen Anforderungen oder hohem Feinstaubgehalt in der Aussenluft sogar F9. Kommen Kleingeräte mit niederwertigen Filterstufen zum Einsatz, lassen sich diese mit einem zusätzlichen Filter ergänzen (»nachschalten«). Dafür ist Platzreserve vorzusehen.

Abluftvolumenstrom. In Tabelle 1 sind Werte für den minimalen Abluftvolumenstrom aufgelistet. Die Tabellenwerte gelten für ganzjährigen Dauerbetrieb und basieren teilweise auf DIN 1946-6 [2]. Je nach objektspezifischen Verhältnissen sind abweichende Abluftvolumenströme sinnvoll.
Zuluftvolumenstrom. Minimalwerte in Tabelle 2. Bei Schlafzimmern für eine Person in Einfamilienhäusern lässt sich der Zuluftvolumenstrom in Absprache mit der Bauherrschaft bis auf 20 m3/h reduzieren (statt 30 m3/h).

Abgleich Zuluft/Abluft. Ausschlaggebend für die Dimensionierung der mechanischen Lufterneuerung ist die grössere Summe der Luftraten. Falls der Abluftstrom vergrössert werden muss, um dem Zuluftstrom zu entsprechen, ist zuerst die Abluftrate der Küche zu erhöhen vor Anpassung der Rate anderer Räume.

Schallschutz. Über 25 dB (A) darf der Schalldruckpegel der Lüftung in Wohn- und Schlafzimmern nicht steigen. In anderen Räumen sind höhere Werte zulässig, sofern diese den Schalldruckpegel der Wohn- und Schlafzimmer nicht erhöhen [3]. Falls der Türspalt am Fuss der Türe als Überströmöffnung dient, reduziert sich das Schalldämmmass (R’w-Wert) der Türe insgesamt, beispielsweise durch den Verzicht auf eine Planetendichtung. Über 1,5 m/s sollte die Luftgeschwindigkeit im Türspalt nie liegen. Überströmdurchlässe in Wänden mit Türen sollten ein Schalldämmmass (R’w-Wert) von mindestens 10 dB aufweisen. Dadurch entspricht die Schwächung der Schalldämmung in etwa derjenigen von Türen mit einem Spalt als Überströmöffnung. Mehr als 3 Pa Druckverlust sollten allerdings auch schallgedämmte Überströmöffnungen nicht erzeugen.

Kochstellenabluft. Die Abluftführung von Kochstellen, üblicherweise über einen Dunstabzug, ist nicht Teil eines Wohnungslüftungssystems und ist von diesem vollständig zu trennen. Zur Wahl stehen zwei Varianten: Die Fortlufthaube mit Nachströmöffnung in der Aussenwand mit eingebauter Klappe oder die Umlufthaube mit Aktivkohlefilter. Beide Systeme haben Vor- und Nachteile [6].

Verteilsystem. Als Richtwert für die gesamten Druckverluste – aber ohne Lüftungsgerät – eines Einfamilienhauses gelten 100 Pa. Dieser Wert korrespondiert mit der Empfehlung zum spezifischen Elektrizitätsbedarf der Ventilatorantriebe sowie zur maximalen Luftgeschwindigkeit von 2,5 m/s.
Für die Dichtheit des Verteilsystems ist die Klasse C anzustreben [4]. Rohre sind dichter als Kanäle!
Zur Reduktion der Wärmeverluste und zur Vermeidung von Kondensat müssen die Leitungen abschnittweise Wärme gedämmt sein. Zu- und Abluftleitungen von einzelnen Räumen, die durch Kaltzonen führen, sowie Leitungen an Gebäudestandorten in den Bergen sind deutlich höhere als übliche Dämmstärken erforderlich.

Wartung und Reinigung. Der sorgfältige Unterhalt einer Lufterneuerungsanlage beginnt bei der Planung.
Fünf wichtige Punkte:
  • Glattwandige Leitungen lassen sich einfacher reinigen als gerippte oder gewellte Oberflächen.
  • Mehr als 12 m lang sollte ein Reinigungsabschnitt mit nur einer Öffnung nicht sein. Falls eine Leitung von zwei Seiten her zugänglich ist, beträgt die empfohlene Höchstlänge 20 m bis 24 m.
  • Mit Bögen sparsam umgehen, insbesondere mit 90°-Bögen. Bei Leitungsdurchmessern unter 80 mm sollte der Planer ganz auf enge Bögen verzichten.
  • Die Reinigung von Schalldämpfern, Reduktionen, Verteilkästen und Armaturen kann knifflig werden. Bei der Planung vorbeugen.
  • Zuerst die Baureinigung, dann die Inbetriebsetzung! Danach Kontrolle alle fünf Jahre, Reinigung nach Bedarf, spätestens nach zehn Jahren.

Exkurs zum 2. Schritt: die Abluftanlage

Wo die räumlichen und baulichen Verhältnisse eine Lüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung (WRG) schwierig – das heisst: teuer – machen, ist die Abluftanlage eine prüfenswerte Option. Sinnvollerweise wird die bestehende Abluftinfrastruktur weiterhin genutzt, allenfalls ergänzt um weitere Schächte, um zwei oder drei Abluftfassungen innerhalb der Wohnung zu ermöglichen. Über Aussenluftdurchlässe in der Fassade – allenfalls in den Fensterrahmen integriert – strömt Zuluft in die Wohnräume. Damit entfällt eine der grössten Knacknüsse eines Lüftungskonzeptes, allerdings mit dem Nachteil, dass die Lösung hinsichtlich Komfort und Energieeffizienz nur bedingt befriedigt. Denn die direkte Einführung von Aussenluft in den Wohnbereich ist in winterlichen Zeiten wenig komfortabel. (Andere Quellen sprechen von »genügendem Komfort« [8]). Und aus der Abluft lässt sich keine Kilowattstunde zugunsten der Zuluft zurückholen.
Dichtheit der Hülle. Um eine Abluftanlage sinnvoll zu betreiben, ist eine dichte Bauhülle eine unabdingbare Voraussetzung. Wo diese Verhältnisse nicht gegeben sind, führt dies zu einer völlig unkontrollierten Aussenluftführung – mit allen Konsequenzen im Komfort und im Schadenpotenzial. Vorteilhafterweise erfolgt eine Quantifizierung der Dichtheit. Über 1,0/h sollte der nL50-Wert (Luftwechsel bei 50 Pa Druckdifferenz) nicht liegen.
Schallschutz. Erfahrungen zeigen, dass sich Abluftventilatoren nicht ohne Anpassung vom ursprünglich intermittierenden in den Dauerbetrieb überführen lassen. Der Schall wird in der Regel als Belästigung empfunden. Abluftstellen mit ursprünglich 70 m3/h lassen sich – durch Ersatz der Ventilatoren – auf 40 m3/h reduzieren. Mit zwei bis drei Abluftstellen ergeben sich mit der genannten Leistung rund 100 m3/h. Ob die Abluftstellen in einen Schacht münden oder mehrere Schächte zur Verfügung stehen, ist naturgemäss von der Bausubstanz und der Eingriffstiefe abhängig. Akustisch vorteilhaft ist die Lösung mit einem zentralen Abluftventilator auf dem Dach oder im Dachgeschoss des Gebäudes. Umgekehrt erlauben dezentrale Abluftventilatoren in den Wohnungen eine elegante Benutzersteuerung.

Abluftanlage: 10 heikle Fragen. Mechanische Abluftanlagen waren das Thema des Projektes ENABL [8]. Diese Untersuchungen bilden die Basis der folgenden Fragen: Nur wer diese mit Ja beantworten kann, liegt mit einer Abluftanlage richtig.
  • Ist das Gebäude luftdicht, das heisst liegt der nL50-Wert unter 1,0/h?
  • Besteht kein Risiko für eine Radonkonzentration über 400 Bq/m3, wenn im Gebäude ein Unterdruck herrscht? Schlechte Voraussetzungen sind gegeben bei: nach oben offenem Kellergeschoss, undichten Kellerwänden, Region mit erhöhter Radonkonzentration im Untergrund.
  • Lässt sich das geforderte Schalldämmmass der Fassade mit Aussenluft-Durchlässen erreichen?
  • Ist die Kontrolle und Wartung der Aussenluft-Durchlässe, vor allem bei Mehrfamilienhäusern, sichergestellt?
  • Lassen sich Abluftleitungen reinigen?
  • Genügt die Filterqualität – in der Regel nur Grobstaubfilter, keine Pollenfilter – den Anforderungen der Bauherrschaft respektive den Bewohnern?
  • Lassen sich die Bewohner dazu animieren, mit geschlossenem Fenster zu schlafen?
  • Erlaubt das Energiekonzept, beispielsweise Minergie, eine Lufterneuerung ohne Wärmerückgewinnung?
  • Sind nicht mehr als zwei Geschosse miteinander verbunden? In Einfamilienhäusern ist diese »luftseitige« Verbindung (fast) die Regel; die Geschosse sind nicht durch (luftdichte) Türen voneinander getrennt. In einem Einfamilienhaus mit drei Wohngeschossen müsste das unterste oder das oberste Geschoss durch eine dichte Türe abgeschottet sein.
  • Wird im Wohnbereich definitiv kein Holzofen installiert? (Bewährt haben sich Lösungen mit separater Aussenluftzufuhr.)

Lufterneuerung in Bürobauten

Sommerfall

Umfassende Sanierungen von Bürobauten generieren oft ein neues Problem: Durch zusätzliche Wärmedämmung und bessere Fenster kühlen die Bauten während Hitzeperioden in der Nacht kaum mehr aus. Die thermischen Speicher – Decken, Wände und sogar die Einrichtung – sind nach einer warmen Sommerperiode aufgeladen und geben Wärme über Strahlung und Konvektion an einen diesbezüglich schon überversorgten Raum ab. Die Folge sind unbehagliche Verhältnisse am Arbeitsplatz. In diesen Fällen grundsätzlich auf eine Klimatisierung zu verzichten, birgt ein Risiko der Überhitzung. Im schlimmsten Fall werden nachträglich die Räume mit dezentralen Kühlgeräten nachgerüstet, was hinsichtlich der Kosten, des Komforts und des Energie-verbrauches äusserst problematisch ist. Eine gut angepasste und energieeffiziente Klimatisierung ist besser. Prüfenswert sind insbesondere alle Varianten des Free-Cooling, also Nachtauskühlung mit freier und mechanischer Lüftung, sowie der Einsatz von Kühldecken, vorzugsweise in Kombination mit Wärmepumpen.
In den meisten bestehenden Klimaanlagen besteht ein grosses Einsparpotenzial, das sich im Zuge einer Gesamtsanierung ausschöpfen lässt. Standardlösungen sind allerdings nicht verfügbar, gefragt sind objektbezogene Massnahmen.

Einzelraumlüftungsgeräte

Fassadensanierungen erleichtern die Installation von Einzelraumlüftungsgeräten mit Wärmerückgewinnung. Weil diese Geräte einzeln gesteuert sind, eignen sie sich auch für Kleinbüros. Und bezüglich Hygiene und Filterwirkung sind sie den zentralen Anlagen ebenbürtig. Sinnvoll ist ihr Einsatz auch zur Nachtauskühlung von Räumen, sofern die Dimensionierung dies zulässt. Doch ohne Nachteile sind Einzelraumgeräte nicht. Die wichtigsten:
  • Die Wartung ist aufwändiger.
  • Die Luftfassung entlang von überhitzten Südfassaden kann zu einem unerwünschten Wärmeeintrag führen.
  • Der deutlich schlechtere WRG-Wirkungsgrad ist ein Minuspunkt der Einzelgeräte. Die Technik für eine bessere WRG ist verfügbar, doch wird diese aus Platzgründen respektive zur Vermeidung von Kondenswasser nicht eingesetzt. Temperatur-Änderungsgrade liegen aus diesen Gründen meist unter 60%.
  • Einzelgeräte bilden Wärmebrücken.
  • Störend können sich die Schallemissionen auswirken (Ventilatoren).
Die letzten drei Punkte sind naturgemäss weitgehend vom Produkt abhängig.

Weitere Aspekte

Abluftanlage mit Aussenluftdurchlässen. Hinsichtlich Abluftführung unterscheiden sich Wohnungs- und Bürobauten, wenn auch nicht gänzlich. Jedes Büro sollte mit einem Abluftdurchlass ausgerüstet werden. Denn in der Regel ist eine Überströmung in den Korridor aus Gründen des Brandschutzes nicht möglich. Aussenluftdurchlässe schwächen, Einzelgeräten vergleichbar, das Wärme- und das Schalldämmmass einer Bauhülle. Zudem sind besonnte Fassaden im Sommer nicht unbedingt prädestiniert für eine Aussenluftfassung. Für die Nachtauskühlung ist das System kaum geeignet, weil sowohl die Abluftanlage als auch die Aussenluftdurchlässe in der Regel zu klein respektive zu leistungsschwach sind.

Hygiene: Noch wichtiger als der Energieverbrauch ist der Hygiene-Standard der Lüftungs- respektive Klimaanlage. Alte Anlagen sind diesbezüglich häufig jenseits des Zumutbaren. Einschlägige Anforderungen sind in der VDI 6022, die auch für die Schweiz gilt, aufgelistet.

Fensterlüftung: Bei grosser Schadstoff- und Lärmbelastung ist eine Lufterneuerung über die Fenster wenig komfortabel. In Grossraumbüros erweist sich auch die Entscheidfindung als schwierig: Wann und wo wird gelüftet? Systematischer lassen sich Fenster mit motorischen Antrieben bewirtschaften, fallweise gesteuert über die Temperatur und die Zeit. Für die Nachtauskühlung des Gebäudes bringt das Vorteile.

Literatur

[1] 6.Bulletin, Liste für Wohnungslüftungsgeräte mit und ohne Wärmerückgewinnung. Europäisches Testzentrum für Wohnungslüftungsgeräte, Dortmund 2001. www.tzwl.de
[2] DIN 1946, Teil 6: Raumlufttechnik, Lüftung von Wohnungen, Anforderungen, Ausführung, Abnahme. Herausgeber DIN; Ausgabe Oktober 1998
[3] Norm SIA 181: Schallschutz im Hochbau
[4] prEN 12237 Luftleitungen – Runde Luftleitungen aus Blech, Festigkeit und Dichtheit, Anforderungen an die Prüfung. CEN, 1995
[5] Norm SIA 382/1: Technische Anforderungen an lüftungstechnische Anlagen
[6] Komfortlüftungen: Technische Ergänzungen für den Lüftungsplaner. Merkblatt von EnergieSchweiz und Minergie. Bezug unter www.minergie.ch (unter Service -> Download)
[7] Übersicht Lüftungssysteme, Merkblatt Minergie, Planungshilfe für Baufachleute. Bezug unter www.minergie.ch (unter Service -> Download)
[8] Energieeffiziente und bedarfsgerechte Abluftsysteme mit Abwärmenutzung (ENABL), Juni 2002, Bundesamt für Energie, Forschungsprogramm Rationelle Energienutzung in Gebäuden. Vertrieb EMPA ZEN (zen@empa.ch) und ENET, enet@energieforschung.ch