Absolut handhabbar

interview
Hansruedi Preisig (links) und Peter Hartmann (Gian Veitl)
Peter Hartmann und Hansruedi Preisig erklären, warum heutige Wohnungen mechanisch belüftet sein sollen, warum sie es trotzdem nur selten sind und was getan wird, damit sich das ändert.

Faktor: Was ist mit unseren Wohnungen passiert, dass sie nun plötzlich mechanische Lüftungsanlagen brauchen?

Hansruedi Preisig: Seit Jahrhunderten hat man versucht, die Gebäudehülle luftdicht zu machen. Das war gar nicht so einfach. Noch in den 50er- und 60er-Jahren waren die Fenster so undicht, dass die Luft im Winter wegen des hohen Luftaustauschs notorisch zu trocken war. Nach dem Ölpreisschock von 1973 drang plötzlich ins Bewusstsein, dass der ungeregelte Luftaustausch auch mit einem beachtenswerten Wärmeverlust verbunden war. Also fing die ganze Schweiz unter multimedialer Anleitung an, die Fenster mit allerlei Schaumstoff- und Gummibändern abzudichten. Damit wiederum war man teilweise so erfolgreich, dass die Luftfeuchtigkeit auf Werte stieg, die zu Kondensation und Schimmelbefall an den weiterhin schlecht gedämmten Aussenwänden führten.
Peter Hartmann: Tatsächlich erreichte man gegen Ende der 1970er-Jahre mit diesen Dichtungsmassnahmen teilweise bereits Luftwechselraten unter 0,1/h. Wenn ich das damals im Rahmen einer Expertise nicht selbst gemessen hätte, würde ich es kaum glauben.
Preisig: Ausser etwas niedrigerem Energieverbrauch bescherte die Abdichterei ungezählte Bauschäden: Ich erinnere mich beispielsweise an grosse Siedlungen, bei denen fast ein Drittel der Wohnungen von Schimmel befallen waren. Solche Schäden wurden in der Regel den Bewohnern in die Schuhe geschoben – sie hätten zu wenig gelüftet, hiess es dann, und heisst noch heute gelegentlich. Damit machten es sich die Verwaltungen natürlich zu einfach.
Hartmann: Der stark reduzierte Luftwechsel zeitigte auch massive Schäden an der Struktur, die erst nach Jahren festgestellt wurden. Dazu gehören etwa verfaulende Balken an Holzbauten, verursacht durch kondensierende Feuchtigkeit aus Luft, die durch Ritzen ausströmte. Aber, bei allem Lehrgeld, das wir mit der Gebäudeabdichtung bisher bezahlt haben – der Ansatz war und ist richtig. Die Hülle muss dicht sein, will man im Winter nicht unkontrolliert Wärme und Feuchte verlieren. Nur: Ein minimaler Luftaustausch muss garantiert sein, muss also organisiert werden. Falsch am Ansatz war, dass man dies der Benutzerseite überlassen wollte. Im Nachhinein wissen wir, dass das oft schief gehen musste – viele Leute wussten nicht, wie und wie oft sie lüften sollten, gelegentlich fehlte sicher auch die Disziplin. In vielen Fällen lag es aber einfach daran, dass tags gar niemand zuhause war, der das Lüften hätte übernehmen können. Die Zeiten, der traditionellen Haushalte – der Mann tags beim Arbeiten, die Frau zu Haus – waren einfach vorbei. Ein grosser Teil der Wohnungen ist heute tagsüber verlassen.
Preisig: Weiter nördlich in Europa hatte man dieses Problem schon früher erkannt. Dort ist ein hoher Wohnkomfort während der langen, harten Winter viel wichtiger als bei uns. Deshalb wurden beispielsweise in Schweden oder Finnland mechanische Lüftungen bereits seit den 1970er-Jahren eingesetzt – allerdings vor allem in Form von Abluftanlagen.

Seit wann gibt es in der Schweiz überhaupt Wohnungen mit mechanischen Lüftungen?

Hartmann: Die erste Anlage mit mechanischer Lüftung wurde – soweit ich mich erinnere – Mitte der 1980er-Jahre in Basel installiert. Dabei handelte es sich auch um eine Abluftanlage.
Preisig: Natürlich hatte man auch schon früher mit anderen Systemen experimentiert. Zu erwähnen wäre etwa das System der Zürcher Ziegeleien aus den 60er-Jahren des letzten Jahrhunderts. Das bestand aus zentralen Lüftungskanälen, die vom Parterre bis unters Dach durch die Badezimmer geführt wurden. Ein Kanal führte Zuluft und einer Abluft. Getrieben wurde das Ganze von natürlicher Konvektion und geregelt wurde mit verstellbaren Lamellendurchlässen. Damit war der Luftwechsel aber von der Temperaturdifferenz zwischen Zu- und Abluft und von den Windverhältnissen abhängig.
Hartmann: In den späten 1980er-Jahren folgten dann eine Reihe von Pilotprojekten mit mechanischer Lüftung. Daraus konnten viele interessante Erkenntnisse gewonnen werden, sei es bezüglich der Mechanik, dem Energiebedarf oder der Benutzerzufriedenheit. Für mich erstaunlich war, dass viele Bewohner sich schon mit der damals installierten Technik arrangieren konnten. Selbstverständlich gab es auch einige, die mit der neuen Technik gar nicht klar kamen und im Extremfall wurden die Luftdurchlässe sogar zugeklebt. Die Pionierphase gipfelte schliesslich in einer ersten Tagung in Bern, an der 30 bis 40 Freaks teilgenommen haben. Zum Vergleich: Eine Lüftungstagung im letzten Jahr zog 800 Leute aus der ganzen Schweiz an.

Warum haben sich Wohnungslüftungen in der Schweiz bis heute noch nicht durchsetzen können?

Hartmann: Es ging in der Tat nur langsam voran mit der mechanischen Lüftung. Ein Grund mag sein, dass man bei der Argumentation zu viel Gewicht auf die Energieeinsparungen legte. Das war nicht sehr klug, weil sich die Investition in eine Lüftungsanlage bei heutigen Energiepreisen einfach nicht rechnet. Man hätte viel früher schon den Gewinn an Komfort und Sicherheit in den Mittelpunkt stellen sollen.
Preisig: Das Image der mechanischen Lüftung litt auch unter den Horrorgeschichten im Zusammenhang mit schlecht geplanten und gewarteten Klimaanlagen. Viele kennen den Unterschied zwischen Lüften und Klimatisieren noch heute nicht. Deshalb haben sie Angst, die mechanische Lüftung könnte ein Sick-Building-Syndrom auslösen. Solche Bedenken sind aber bei regelmässig und fachgerecht gewarteten Anlagen unbegründet.
Hartmann: Klar, es gab es auch Ärger mit Lüftungsanlagen, die schlecht funktionieren, weil sie schlecht ausgelegt, eingestellt oder gewartet wurden. Das treffen wir auch heute immer wieder an. Eine Lüftungsanlage braucht ein Minimum an Wartung. Die Filter müssen in der Regel ein bis zweimal im Jahr ersetzt werden. Die Kanäle brauchen alle paar Jahre eine Inspektion und wenn nötig eine Reinigung. Das ist aber – wie das Beispiel Schweden zeigt – absolut handhabbar. Dort ist die Wartung staatlich organisiert. Die Wartungsfrequenz richtet sich nach der Verschmutzungsintensität und der Art der Anlage. Das läuft so automatisch ab wie bei uns der Besuch des Kaminfegers. Solche Systeme brauchen wir auch in der Schweiz, wenn wir den Leuten die Wohnungslüftung schmackhaft machen wollen.

Sollen und können die Bewohner ihre Lüftungsanlagen auch selbst warten?
Preisig: Ich würde sagen, zentrale Anlagen sollen nur durch Fachleute gewartet werden – auf keinen Fall durch die Mieter! Auch die Wartung dezentraler Anlagen kann nur in Ausnahmefällen den Bewohnern zugemutet werden. Ich denke da etwa an das Austauschen von Filtern. Die Reinigung von Kanälen und des Lüftungsgeräts selbst überlässt man aber auch hier besser den Fachleuten. Hierfür wird ja auch spezielles Werkzeug benötigt.

Wie gross sind den die gesundheitlichen Risiken von Wohnungslüftungen wirklich?

Hartmann: Bei korrekt geplanten und betriebenen Anlagen sind sie sehr klein. Zu den heiklen Bereichen gehören etwa die Erdregister. Wenn sich dort Schmutz und Feuchtigkeit ansammeln, besteht die Gefahr, dass Pilzsporen mit der Zuluft in die Wohnung gelangen. Deshalb müssen Erdregister regelmässig kontrolliert werden. Auch verschmutzte Kanäle und Verteilkasten können zur Schadstoffquelle werden. Schliesslich können auch verstopfte Filter zum Risiko werden – einfach deshalb, weil die erforderlichen Volumenströme nicht mehr bereitgestellt werden können und sich dadurch die Luftqualität verschlechtert.

Was sind denn die Hauptargumente, die Sie einer Bauherrschaft heute für eine Lüftungsanlage liefern können?

Hartmann: Wenn ich nun von Lüftungsanlagen spreche, dann meine ich im Wesentlichen die »einfache Lüftungsanlage« gemäss dem neuen SIA-Merkblatt 2023. Sie verfügt über die Funktionen Luftzuführung, Filterung, in der Regel Wärmerückgewinnung und Abluftführung – womit sie weit gehend der so genannten Komfortlüftung nach Minergie entspricht. Solche Anlagen haben, wenn sie fachgerecht geplant, abgenommen und betrieben werden, folgende Vorteile: Sie können im Gegensatz zur Fensterlüftung auch bei Abwesenheit die nötige Lufterneuerung garantieren. Sie können, wenn sie ein Erdregister haben, im Sommer Temperaturspitzen dämpfen. Sie können Lärm von aussen abhalten, weil die Fenster geschlossen bleiben können. Sie können Energie sparen – auch wenn die Einsparungen in der Realität nicht ganz so hoch sind wie berechnet. Schliesslich bieten sie Allergikern Vorteile, weil geeignete Filter Pollen weit gehend zurückhalten. Im Übrigen rate ich allen, die sich eingehender über Vor- und Nachteile von verschiedenen Lüftungssystemen informieren möchten, das erwähnte SIA-Merkblatt 2023 zu konsultieren.

Wo liegen die Schwachpunkte heutiger Lüftungsanlagen?

Hartmann: Ein heikler Punkt bei allen mechanischen Lüftungsanlagen ist sicher die Geräuschentwicklung. Hier ist die Dimensionierung der Kanäle wichtig, aber auch die Einregulierung bei der Inbetriebnahme.
Bei Abluftanlagen und bei automatischen Fensterlüftungen ist problematisch, dass die Volumenströme mit den Wind- und Temperaturverhältnissen schwanken. Meiner Meinung nach das zentrale Problem ist aber die zuweilen mangelnde Qualität der Lüftungsanlagen – unabhängig, nach welchem System sie arbeiten. Auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Gute Anlagen erhält man nur, wenn sie richtig geplant, fachgerecht installiert, korrekt abgenommen und dann betrieben werden.

Was wird gegen diese Schwächen unternommen?

Hartmann: Eines ist mittlerweile klar geworden: Die Qualitätssicherung bei einer Technik mit so vielen Schnittstellen zwischen Fachgebieten kann man nicht einfach dem Markt überlassen. Bei Mängeln schieben sich die Beteiligten die Schuld nämlich oft gegenseitig in die Schuhe. Dagegen können bereits bestehende Arbeitsmittel wie etwa das Besteller-Kit Wohnungslüftung helfen.
Ein QS-System wird wahrscheinlich noch dieses Jahr kommen. Die Vorbereitungsarbeiten für eine umfassende Geräteprüfung sind weit fortgeschritten. Auch auf der Ausbildungsseite ist bereits einiges angerollt. Die Hochschule für Technik und Architektur in Luzern bietet beispielsweise sehr umfassende Kurse an. Auch verschiedene fortschrittliche Systemanbieter bieten Schulungen an.
Preisig: Wichtig für die Qualität einer Lüftungsanlage ist auch, dass sie ganz von Anfang an, also bereits in den Vorstudien mit einbezogen wird. Mechanische Lüftungen brauchen ja Kanäle, und Kanäle brauchen Schächte, und die lassen sich in fortgeschrittenem Projektierungsstadium kaum mehr vernünftig unterbringen. Mit Gewalt in ein Gebäude hineingezwängte Kanäle bilden gewiss keine Basis für eine gute Lüftungsanlage. Deshalb müssen die nötigen Installationszonen schon bei der Projektierung, das heisst bei der Grundriss- und Schnittentwicklung berücksichtigt werden. Dies wird beispielsweise nach Snarc gefordert. (SIA-Dokumentation D0200, Systematik zur Beurteilung der Nachhaltigkeit im Architekturwettbewerb und bei Studienaufträgen, 2004, red.).
Hartmann: Eigentlich müsste man fordern, dass die Gebäude eine lüftungsgerechte Struktur erhalten. Das ist vielleicht etwas überspitzt formuliert, aber ich bin überzeugt, dass die Lüftung Wechselwirkungen mit dem Entwurf provoziert. Wichtig ist einfach, dass die Zugänglichkeit und Erneuerbarkeit der Lüftung gewährleistet ist. Schliesslich lebt sie ja deutlich weniger lang als das Gebäude selbst.
Preisig: Da liegt viel volkswirtschaftlicher Nutzen drin! Aber es braucht Bauherrschaften, die in die Zukunft denken.

Wäre es nicht auch die Aufgabe der Architekten, entsprechend zukunftstaugliche Gebäudekonzepte zu verkaufen?

Preisig: Schon, aber der Architekt kann am Ende nur das bauen, was der Investor wünscht und auch zu zahlen bereit ist.

Aber zumindest gegenüber nicht professionellen Bauherrschaften hätte der Architekt doch so etwas wie einen pädagogischen Auftrag...

Preisig: Im Prinzip ja – es ist die Aufgabe des Architekten, das Thema Lüftung anzusprechen und Lösungsvorschläge zu erarbeiten.
Hartmann: An den Fachhochschulen ist das Thema Gebäudetechnikintegration jedenfalls ein Thema. Auch werden die Einsatzgrenzen verschiedener Lüftungssysteme vermittelt. Die Absolventen sollten also in der Lage sein, eine Bauherrschaft zu beraten.

Ist die einfache Lüftungsanlage mit WRG im Sinne des SIA-Merkblatts 2023 der Weisheit letzter Schluss?

Preisig: Selbstverständlich wäre es schön, wenn wir nicht mit Lüftungskanälen durchs ganze Haus fahren müssten. Insofern finde ich die Entwicklung im Bereich der fensterintegrierten Lüftungssysteme interessant. In diesem Bereich ist gerade ein KTI-Projekt in Vorbereitung.

Wagen Sie eine Prognose zur Zukunft der geregelten Lüftung in der Schweiz?

Preisig: Ich gehe davon aus, dass künftig der grösste Teil der Wohnungen mit einer geregelten Lüftung ausgerüstet wird. Das ergibt sich bei den heutigen dichten Gebäuden einfach aus den wohnhygienischen Ansprüchen. Durchsetzen werden sich einfache Systeme, die leicht zu reinigen und zu ersetzen sind.
Hartmann: Das sehe ich auch so, denn solche Systeme eignen sich auch für Erneuerungen. Am Ende werden die Systeme gewinnen, die im Erneuerungsmarkt mitspielen können.

Also doch Einzelraumlüftungen?

Preisig: Ja, vielleicht, aber nur, wenn die Lüftung zu einem konstruierten Fassaden-element wird, beispielsweise in Kombination mit dem Fenster. Löcher in der Aussenwanddämmung können jedenfalls nicht die Lösung sein.

Hansruedi Preisig, Prof. Dipl. Arch. SIA, ist Inhaber eines Architekturbüros in Zürich und Dozent an der Zürcher Hochschule Winterthur (ZHW), Leiter verschiedener Forschungsprojekte wie SIA Effizienzpfad Energie. www.hansruedipreisig.ch

Peter Hartmann, dipl. Masch.-Ing. ETH, ist Dozent für Haustechnik und Bauphysik an der Zürcher Hochschule Winterthur (ZHW). Er leitete die Arbeitsgruppe, die 2004 das SIA-Merkblatt 2023 Wohnungslüftung herausgegeben hat.


Interview: Othmar Humm und Rene Mosbacher