Keine Garantie

Die Lüftung kann beim Abführen von Schadstoffen helfen, eine Garantie für ein Superklima ist sie nicht! Dies gilt vor allem für die ersten Monate nach Bauende.
»Komfortlüftungen in Wohnbauten garantieren noch kein einwandfreies Innenraumklima«, betont Reto Coutalides. Der TVOC-Gehalt in der Raumluft beispielsweise kann in den ersten Monaten nach Fertigstellung des Gebäudes auch bei funktionierender Lüftung den Zielwert von 1000 µg/m3 übersteigen. Dies belegen unter anderem Messungen in Bauten der Swiss Re.
So wurden beispielsweise nach der Gesamt-erneuerung der Überbauung Heugatter in Dübendorf in einer Wohnung bei ausgeschalteter Lüftung 1700 µg/m3 gemessen, mit Lüftung waren es 1500 µg/m3. Für eine zweite Wohnung lauten die Werte 700 respektive 570 µg/m3 (Bild 1).
TVOC-Konzentrationen
Bild 1: TVOC-Konzentrationen in µg/m3 in zwei Wohnungen der Überbauung Heugatter in Dübendorf, drei Wochen nach Bauende, jeweils mit (rosa) und ohne (rot) mechanische Lufterneuerung.
Im neu erstellten Zentrum Huob in Pfäffikon wurden in fünf Wohnungen Werte zwischen 372 µg/m3 und 2332 µg/m3 ge-messen (Bild 2). Sämtliche Messungen fanden eine bis drei Wochen nach Ende der Bau- und Ausbesserungsarbeiten statt. Die Messingenieure vermuten als Grund der Überschreitung Nachbesserungs- und Reinigungsarbeiten. Eine Nachmessung sechs Wochen nach Bauende in Wohnung B des Zentrums Huob ergab Werte von 404 µg/m3 bei ausgeschalteter und 678 µg/m3 bei laufender Lüftung (Bild 3).
TVOC-Konzentrationen2
Bild 2: TVOC-Konzentrationen in µg/m3 in fünf Wohnungen des Zentrums Huob in Pfäffikon, eine bis drei Wochen nach Bauende, jeweils mit (rosa) und ohne (rot) mechanische Lufterneuerung.
TVOC-Konzentrationen3
Bild 3: TVOC-Konzentrationen in µg/m3 in Wohnung B des Zentrums Huob in Pfäffikon, eine und sechs Wochen nach Bauende, jeweils mit (rosa) und ohne (rot) mechanische Lufterneuerung.
Offenbar werden VOC-Chargen über die Lüftungsanlage in Wohnräume getragen. Dies ist insbesondere dann zu beobachten, wenn die Aussenluftfassung in der Nähe von verkehrsreichen Strassen oder Garageneinfahrten positioniert ist. Der in Wohnung B beobachtete Trend zur Abnahme der TVOC-Konzentration wird von anderen Messungen gestützt. Bild 4 zeigt Messungen in 23 verschiedenen Wohnungen bis zu einem Jahr nach Bauende.
TVOC-Konzentrationen4
Bild 4: TVOC-Konzentrationen in µg/m3 in 23 Wohnungen verschiedener Minergie-Neubauten bis 52 Wochen nach Bauende. Die Kurven sind gerechnete Näherungen an die gemessenen Werte (rot: ohne Lüftung / rosa: mit Lüftung).

Formaldehyd

Mit Werten zwischen 20 und 35 µg/m3 erwiesen sich die Formaldehyd-Konzentrationen in den erwähnten Wohnräumen als völlig unkritisch. Zum Vergleich: Der (verbindliche) Richtwert des Bundesamtes für Gesundheit (BAG) beträgt 125 µg/m3, die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt 100 µg/m3.

Schimmelpilze und Bakterien

So richtig Wirkung zeigt die Lüftungsanlage bei der Abscheidung von Keimen. Messungen von Schimmelpilzen und Bakterien in der Aussenluft ergaben 380 KBE/m3 respektive 460 KBE/m3. Im Zulufteinlass der gemessenen Wohnung waren es nur noch 40 KBE/m3. Ein ähnliches Bild vermitteln die Messungen zur Feinstaubkonzentration: Je nach Grösse werden zwischen 77% und 100% der Staubpartikel zurückgehalten. Diese Leistung entspricht einer Feinstaubfilterklasse von F7 nach DIN EN 779.

Die Folgerungen

  • Wenige Wochen nach Bauende können Messwerte chemischer Luftschadstoffe in verschiedenen Wohnungen desselben Gebäudes stark variieren.
  • Komfortlüftungsanlagen mit einem Luftwechsel von 0,4/h bis 0,6/h vermögen die Schadstoffkonzentrationen in den ersten Wochen nur geringfügig zu reduzieren. Mit laufender Lüftung nehmen die Schadstoffkonzentrationen über die ersten Monate jedoch rascher ab als mit ausgeschaltetem Gerät.
  • In den ersten Monaten nach Bauende kann auch bei eingeschalteter Lüftungsanlage die TVOC-Konzentration über dem Zielwert von 1000 µg/m3 liegen.
  • Durch eine sorgfältige Planung nach der SIA-Empfehlung 112/1 nachhaltiges Bauen kann das Emissionspotenzial von Konstruktionen und Baustoffen minimiert werden.
  • Die Positionierung der Aussenluftfassung hat auf die Qualität des Innenraumklimas grossen Einfluss.
  • Staubpartikel- und Schimmelpilzkonzentrationen in der Zuluft von Neubauten mit Komfortlüftungen sind in der Regel unbedenklich.
  • Der Zeitpunkt der Messungen ist nicht leicht festzulegen. Einerseits sollte die Kontrolle zwischen Bauabschluss und Bezug liegen, andererseits wären einige Wochen zum »Auslüften« der Wohnung vorteilhaft. In der Praxis lässt sich dies oft nur bedingt realisieren.
Abkürzungen
TVOC: Als Mass für die Belastung neu erstellter Wohnräume mit Lösemitteln aus Bauprodukten wird u.a. die Summenkonzentration flüchtiger organischer Verbindungen, der so genannte TVOC-Wert (total volatile organic compounds) ermittelt und bewertet. Der Zielwert ist nicht toxikologisch begründet.
KBE: Als Mass für die mikrobielle Belastung von Luft dient die Anzahl an Kolonien bildenden Einheiten pro Kubikmeter (KBE/m3).

Messbedingungen
  • Rechnerischer Luftwechsel 0,36/h bis 0,58/h (Angaben von den Lüftungsingenieuren).
  • Fehler der Messung plus/minus 15 %.
  • »Ohne Lüftung« heisst: Die Lüftungsanlage wird am Abend vor den Messungen ausgeschaltet und bleibt dies bis nach der ersten Probenahme. Anschliessend wird sie wieder eingeschaltet.
  • »Mit Lüftung« heisst: Vor der zweiten Probenahme läuft die Lüftung so lange, bis ein Raumvolumen ausgetauscht ist.
Quellen
Abschlussmessungen in der Überbauung Heugatter in Dübendorf und im Zentrum Huob in Pfäffikon. Bau- und Umweltchemie Beratungen+Messungen AG, Zürich 2004.

Text: Othmar Humm
 


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