Komfortsprung
Der Wohnturm Heumatt (E.Schweizer AG)
Wohnsilos heissen diese Gebäude hier am Rand von Zürich, wo die Stadt in die Suburbia ausfranst. Eine städtebauliche Geste der 70er Jahre, grosszügig im Siedlungskonzept, viel Grün, viel Raum, viel Licht. Und mittlerweile etwas Fluglärm. Zudem waren die drei Bauten der Siedlung Heumatt etwas abgewohnt, verständlich, nach 35 Jahren. Erbaut hat sie 1970 der Architekt Robert Constam.
Über einen Wettbewerb kam die Eigentümerin zu einem Modernisierungskonzept. Das Lange und das Kurze Haus wurden in den Jahren 2003 und 2004 ohne Räumung modernisiert. Im Vergleich zum Hochhaus war die Eingriffstiefe in diesen 84 Wohnungen deutlich geringer: neue Küchen und Bäder, wärmetechnische Sanierung der Gebäudehülle, aber keine Änderungen am Grundriss, keine Komfortlüftung, keine neuen Schächte.
Ganz anders im 18-stöckigen Hochhaus. Dort ging es 2005, buchstäblich an die Substanz des Gebäudes:
- Zusammenlegung von Wohnungen: Aus zwei Wohnungen mit 2,5 und 1,5 Zimmern ergibt sich eine familientaugliche mit 4,5-Zimmern. Insgesamt sind es im Hochhaus vorher 74, nachher 57 Wohnungen. Neuer Gemeinschaftsraum im Erdgeschoss.
- Neue Bäder und Küchen, zwei neue Schächte, neue Ver- und Entsorgung.
- Neue Fassaden, hinterlüftet, mit neuen Fenstern und 16 cm Wärmedämmung (Mineralwolle).
- Partielle Verbesserung des Schallschutzes (Vorsatzschalen entlang von Grundrissänderungen), zum Beispiel vorher Küche/Küche, nachher Küche/Schlafraum.
- Lufterneuerung mit Zuluftverteilung über die Fassade, Abluftführung über neue Schächte.
Ganz am Anfang der lüftungstechnischen Planung steht der Wohnraum. Denn das ursprüngliche Konzept der Luftführung hätte die Raumqualität unverhältnismässig stark beeinträchtigt. Die Situation – auch die Raumhöhe – in Altbauten lassen häufig eine Montage der Kanäle unter der Decke nicht zu. Jedenfalls nicht mit einer gestalterisch befriedigenden Lösung. Dies gilt vor allem für die Zuluftführung, weil sie alle Räume einer Wohnung »anfahren« muss, ganz im Unterschied zur Abluftführung, die in der Regel lediglich Küche und Bad mit dem Abluftschacht verbindet. Da bietet sich die Verteilung über die Fassaden an. Doch Vorbehalte gibt es auch da. Denn bei einer Integration der Lüftungsrohre in die Aussenwärmedämmung schwächt sie deren Wirkung; die Überdeckung misst dann nur einige Zentimeter – ein bauphysikalisch heikler Aufbau.
Raffinierte Verrohrung
Die Lösung heisst Flachrohr. Der ovale Luftkanal weist eine Bautiefe von lediglich 57 mm bei einer Breite von wahlweise 134 mm oder 213 mm auf. Der Druckabfall entspricht kreisrunden 100-mm- oder 125-mm-Rohren. Damit lässt sich mit einer 16-cm-Dämmung eine Überdeckung der Rohre von 100 mm garantieren. Auf die Primärstruktur – in den unteren Geschossen Beton, oben Backsteine – kommt ein Vlies zu liegen (3 mm), darauf wird das Rohr montiert. Vlies und Befestigungselement sind bezüglich Schalldämmung optimiert. Zwischen den Rohren liegen Platten aus Mineralwolle (Bautiefe 60 mm). Eine weitere Dämmplatte mit 100 mm überdeckt die Installation, dann Hinterlüftung und, als äusserer Wetterschutz, ein Wellblech aus Aluminium. Befestigt ist das Alu-Blech – Bautiefe 33 mm – über verlustarme Schrauben an den Stirnen der Betondecken.
Und die Zulufttemperatur?
Die Bauherrschaft wollte es genau wissen und liess einige wichtige Kriterien abklären:
- Dichtigkeit: Das Kanalnetz erfüllt Dichtigkeitsklasse C gemäss Eurovent 2/2.
- Reinigung über Wartungsöffnungen im begehbaren Aussenschacht und über Zuluftöffnungen.
- Schallschutz durch Einbau von Schalldämpfern, unmittelbar vor der Zuluftöffnung. Ein zusätzlicher Schalldämpfer nach dem Monobloc.
- Temperaturabfall im Zuluftrohr bei einer Aussentemperatur von minus 8?°C höchstens 6,9 K. Bei einer Überdeckung der Rohre mit nur 80 mm wäre das ? T 9 K. Demnach ist mit minimalen Zulufttemperaturen von 13,1?°C zu rechnen. Diese Frage ist brisant, denn das längste Rohr ausserhalb des gedämmten Schachtes misst über 50 m. Gemindert wird der Effekt des Temperaturabfalls im Raum zusätzlich durch die Reduktion des Volumenstromes um 40?% bei Aussentemperaturen unter null. Damit lassen sich allzu trockene Raumklimata vermeiden.
Heumatt bietet noch eine zweite Raffinesse. Für die Zuluft sind alle Steigleitungen, für die Abluft nur ein Teil in einem neuen Aussenschacht geführt. Der Schacht liegt innerhalb des Dämmperimeters und ist von jedem Geschoss aus zugänglich. Das erleichtert die Wartung, vor allem die Reinigung. (Steigleitungen mit Durchmessern von 315 mm, nach oben abnehmend bis 250 mm) Die Versorgung der Wohnungen erfolgt ab diesen Steigleitungen über separate Flachrohre. Brand- und Schallschutz empfehlen dies oder schreiben es gar vor.
Auf dem Dach sind die Lüftungsgeräte für die Abluft, im Keller jene für die Zuluft installiert. Ein Wasser-Glykol-Kreislauf zur Wärmerückgewinnung aus der Abluft verbindet die beiden Standorte. Die Leitungen verlaufen im neuen Aussenschacht.
Fazit: Wenn die drei Kriterien gestalterische Qualität der Räume, Komfort und Energieeffizienz von Bedeutung sind, dann liefert der Heumatt-Turm ein Exempel.
Text: Othmar Humm
